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Ertragsgutachten lesen: P50, P75 und P90
Aufbau eines Ertragsgutachtens, Bedeutung der Überschreitungswahrscheinlichkeiten, Unsicherheiten, Verwendung in der Finanzierung.
Stand 2026-10-13 · Wattvestor Redaktion · Fachlich geprüft: Legal Advisor, 13.10.2026, PV-Experte, 13.10.2026 · Nächste Prüfung 2027-04-13
Ertragsgutachten lesen: P50, P75 und P90
Ein Ertragsgutachten schätzt, wie viel Strom eine PV-Anlage im Jahr erzeugt, und sagt, wie sicher diese Schätzung ist. Die Sicherheit steckt in den Werten P50, P75 und P90. Für Käufer und Banken sind sie oft wichtiger als die einzelne Zahl im Exposé, denn an P90 bemisst sich der Kredit.
Hinweis: Dieser Artikel ist eine allgemeine Information. Er ist keine Anlageberatung und ersetzt kein Ertragsgutachten. Die Rechenbeispiele beruhen auf angenommenen Werten. Stand: 13.10.2026.
Das Wichtigste in Kürze
- P50 ist der Jahresertrag, der mit 50 % Wahrscheinlichkeit erreicht oder übertroffen wird, also der Median. P90 wird mit 90 % Wahrscheinlichkeit erreicht oder übertroffen.
- Bei normalverteilter Unsicherheit gilt: P75 = P50 × (1 minus 0,6745 × u), P90 = P50 × (1 minus 1,2816 × u). u ist die Gesamtunsicherheit in Prozent von P50.
- Ein-Jahres-Werte enthalten die volle Wetterschwankung, Zehn-Jahres-Werte nur einen Teil davon. Gutachten sollten beide getrennt ausweisen.
- Fitch Ratings bezieht seine Richtwerte für den Kapitaldienstdeckungsgrad auf einen Rating Case mit Ein-Jahres-P90.
- Wattvestor fragt nach, wenn P90 weniger als 4 % unter P50 liegt. Das ist ein Prüfwert der Wattvestor-Methodik, kein Marktstandard.
Was ein Ertragsgutachten enthält
Ein Gutachten rechnet aus Wetterdaten und Anlagendaten mit einer Simulationssoftware den Jahresertrag. Prüfen Sie, ob diese Bausteine vollständig und nachvollziehbar sind:
| Baustein | Was drinstehen sollte |
|---|---|
| Gutachter | Name, Unabhängigkeit von Verkäufer und Initiator, Datum und Version |
| Standort | Koordinaten, Horizont, Geländeneigung, Bewuchs |
| Wetterdaten | Datenquelle, Zeitraum in Jahren, Abgleich mehrerer Quellen |
| Anlagendaten | Modultyp, Wechselrichter, Gestell oder Tracker, Neigung, Reihenabstand, DC/AC-Verhältnis |
| Verluste | einzeln aufgeführt: Verschattung, Verschmutzung, Temperatur, Fehlanpassung, Kabel, Wechselrichter, Transformator, Nichtverfügbarkeit, Degradation |
| Ergebnis | P50 in kWh und kWh/kWp, Performance Ratio |
| Unsicherheiten | einzelne Positionen in Prozent, Gesamtunsicherheit, getrennt für ein Jahr und für zehn Jahre |
| Werte für die Bank | P75, P90, eventuell P99, je für ein Jahr und für zehn Jahre |
| Erzeugung und Einspeisung | Verluste bis zum Netzverknüpfungspunkt, Abregelung, Eigenverbrauch |
Fraunhofer ISE nennt für neue, optimal ausgerichtete Anlagen in Deutschland eine Performance Ratio von 80 bis 90 %. Ein Gutachten darüber braucht eine Begründung. Den eigenen Abgleich des Ertrags mit PVGIS beschreibt Spezifischer Ertrag und PVGIS-Abgleich.
P50, P75 und P90
Die Zahl hinter dem P ist die Überschreitungswahrscheinlichkeit. P90 von 998 kWh/kWp heißt: Mit 90 % Wahrscheinlichkeit liegt der Jahresertrag bei 998 kWh/kWp oder darüber. In einem von zehn Jahren liegt er darunter.
Gutachten nehmen meist eine Normalverteilung an. Dann ist P50 zugleich Median und Erwartungswert, und die übrigen Werte folgen aus der Gesamtunsicherheit u:
| Wert | Abstand von P50 | Formel |
|---|---|---|
| P75 | 0,6745 Standardabweichungen | P50 × (1 minus 0,6745 × u) |
| P90 | 1,2816 Standardabweichungen | P50 × (1 minus 1,2816 × u) |
| P99 | 2,3263 Standardabweichungen | P50 × (1 minus 2,3263 × u) |
Planrechnungen von Anbietern arbeiten meist mit P50. Für den Kredit nehmen Banken einen vorsichtigeren Wert.
Woher die Unsicherheit kommt
Die Gesamtunsicherheit setzt sich aus mehreren Positionen zusammen:
- Schwankung von Jahr zu Jahr. Das Wetter ist in jedem Jahr anders. PVGIS weist diese Schwankung als Standardabweichung der Jahreswerte aus. Für eine Südanlage in Leipzig sind es 64,7 kWh/kWp bei 1.080,8 kWh/kWp im Mittel, also rund 6,0 %.
- Langzeitmittel der Einstrahlung. Satelliten- und Bodendaten weichen voneinander ab, und auch ein Mittel über viele Jahre ist nur eine Schätzung.
- Modell und Verluste. Umrechnung auf die geneigte Modulfläche, Temperaturmodell, Verschattung, Verschmutzung, Verfügbarkeit.
- Weitere Positionen. Etwa Degradation, Modulleistung im Verhältnis zum Datenblatt, Rückseitenertrag bifazialer Module.
Sind die Positionen voneinander unabhängig, wird die Gesamtunsicherheit als Wurzel aus der Summe der Quadrate gerechnet. Die Schwankung von Jahr zu Jahr wird für einen Zeitraum von n Jahren durch die Wurzel aus n geteilt, weil sich gute und schlechte Jahre teilweise ausgleichen. Die übrigen Positionen bleiben gleich, weil ein systematischer Fehler in jedem Jahr gleich wirkt.
Beispielrechnung
Beispiel mit angenommenen Werten. Die Anlage gibt es nicht. Die Jahresschwankung stammt aus PVGIS für Leipzig, die übrigen Unsicherheiten sind angenommen.
P50 ist 1.105 kWh/kWp.
| Position | Ein Jahr | Zehn Jahre |
|---|---|---|
| Schwankung von Jahr zu Jahr | 6,0 % | 6,0 % / Wurzel aus 10 = 1,9 % |
| Langzeitmittel der Einstrahlung (Annahme) | 3,5 % | 3,5 % |
| Modell und Verluste (Annahme) | 3,0 % | 3,0 % |
| Gesamtunsicherheit | 7,6 % | 5,0 % |
| P75 | 1.049 kWh/kWp | 1.068 kWh/kWp |
| P90 | 998 kWh/kWp | 1.034 kWh/kWp |
| Abstand P90 zu P50 | 9,7 % | 6,4 % |
Rechenweg für ein Jahr: Wurzel aus (6,0² + 3,5² + 3,0²) = 7,57 %. P90 = 1.105 × (1 minus 1,2816 × 0,0757) = 998 kWh/kWp.
Wofür die Bank P90 braucht
Banken bemessen die Kredithöhe am Betriebsergebnis, das auch in einem schwachen Jahr erreicht wird. Fitch Ratings nennt für vollständig kontrahierte PV-Projekte einen Kapitaldienstdeckungsgrad von 1,20 für ein Rating von BBB- und 1,40 für A-, jeweils im Rating Case mit Ein-Jahres-P90-Ertrag (Fitch Ratings, Renewable Energy Project Rating Criteria vom 07.02.2023, S. 18, Tabelle „Indicative Coverage Ratios Guidance for Fully Contracted PV and CSP Projects“). Fitch versteht die Werte als Orientierung. Welche Werte eine deutsche Bank im Einzelfall verlangt, ist nicht öffentlich.
Beispiel mit erfundenen Werten. Es ist das Beispiel aus dem Artikel Kapitaldienstdeckungsgrad: 700 €/kWp, 50 % Fremdkapital, Annuität 5,0 % über 20 Jahre (28,08 € je kWp), 4,79 ct/kWh (mittlerer Zuschlagswert zum 01.07.2026), Betriebskosten 19,30 €/kWp. Erstes Betriebsjahr.
| Ertragsansatz | Ertrag | Erlös je kWp | Betriebsergebnis je kWp | DSCR |
|---|---|---|---|---|
| P50 | 1.105 kWh/kWp | 52,93 € | 33,63 € | 1,20 |
| P90 über zehn Jahre | 1.034 kWh/kWp | 49,53 € | 30,23 € | 1,08 |
| P90 für ein Jahr | 998 kWh/kWp | 47,80 € | 28,50 € | 1,01 |
Was das heißt: Mit P50 erreicht das Beispiel genau 1,20. Mit Ein-Jahres-P90 fällt der Deckungsgrad auf 1,01. Eine Bank, die 1,20 auf P90 verlangt, würde einen kleineren Kredit geben. Die Betriebskosten bleiben in allen drei Zeilen gleich, deshalb wirkt der geringere Ertrag voll auf das Betriebsergebnis.
Wie Banken Kredite bemessen, erklärt Finanzierung von PV-Anlagen und KfW 270.
So rechnet Wattvestor
- Der Ertrag laut Anbieter (K2) wird mit PVGIS verglichen (K3). Mehr als 10 % über dem Bezug gilt als nicht belegt, bis ein unabhängiges Ertragsgutachten vorliegt.
- Der Kapitaldienstdeckungsgrad (K13) wird mit dem Ertrag des Angebots gerechnet. Der Zielwert 1,20 gilt für den P90-Fall. Werte, die mit P50 gerechnet sind, tragen einen Hinweis.
- Liegt P90 weniger als 4 % unter P50, fragt die Methodik nach. 4 % entsprechen bei Normalverteilung einer Gesamtunsicherheit von rund 3,1 %. Das ist ein Prüfwert der Wattvestor-Methodik, kein Marktstandard.
Typische Fehler und Warnsignale
| Warnsignal | Warum es zählt |
|---|---|
| Gutachten vom Verkäufer, Initiator oder Generalunternehmer | fehlende Unabhängigkeit |
| Performance Ratio über 90 % ohne Begründung | Fraunhofer ISE nennt für neue Anlagen 80 bis 90 % |
| Abstand P50 zu P90 unter 4 % | Unsicherheit wirkt untertrieben (Prüfwert der Wattvestor-Methodik) |
| Nur ein P90 ohne Angabe, ob ein Jahr oder zehn Jahre | Ein-Jahres- und Zehn-Jahres-Werte sind nicht vergleichbar |
| Sehr niedrige Ansätze für Verschmutzung oder Nichtverfügbarkeit ohne Begründung | Ertrag zu hoch |
| Zuschlag für Modulleistung über Datenblatt ohne Messprotokoll | Ertrag zu hoch |
| Rückseitenertrag bifazialer Module ohne Angabe zu Albedo und Aufständerungshöhe | Mehrertrag nicht nachvollziehbar |
| Tracker ohne Winkelbegrenzung und ohne Verschattung zwischen den Reihen | Mehrertrag zu hoch, siehe Tracker oder feste Aufständerung |
| Erzeugung und Einspeisung weichen mehr als 3 % voneinander ab, ohne Erklärung | Erlösbasis unklar |
| Gutachten für eine andere Modul- oder Anlagenkonfiguration | Ergebnis gilt nicht für die gebaute Anlage |
Die ganze Prüfliste vor dem Kauf steht in der Due-Diligence-Checkliste. Wie die Degradation in das Gutachten eingeht, erklärt Degradation und Lebensdauer.
Häufige Fragen
Was bedeutet P90 in einem Ertragsgutachten?
P90 ist der Jahresertrag, der mit 90 % Wahrscheinlichkeit erreicht oder übertroffen wird. Bei normalverteilter Unsicherheit gilt P90 = P50 × (1 minus 1,2816 × Unsicherheit). Bei 7,6 % Gesamtunsicherheit liegt P90 rund 9,7 % unter P50.
Was ist der Unterschied zwischen P50 und P90?
P50 ist der Median der Ertragsverteilung, bei Normalverteilung zugleich der Erwartungswert. In der Hälfte der Fälle liegt der Ertrag darüber, in der Hälfte darunter. P90 ist ein vorsichtiger Wert, den der Ertrag nur in einem von zehn Fällen unterschreitet. Wie weit beide auseinanderliegen, hängt von der Unsicherheit ab, die das Gutachten ausweist.
Warum rechnen Banken mit P90?
Der Kredit muss auch in einem schwachen Jahr bedient werden. Fitch Ratings bezieht seine Richtwerte für den Kapitaldienstdeckungsgrad auf einen Rating Case mit Ein-Jahres-P90-Ertrag, für PV mit festen Erlösen 1,20 bei einem Rating von BBB-. Ein mit P50 gerechneter Deckungsgrad fällt höher aus als der Wert, den eine Bank ansetzt.
Was ist der Unterschied zwischen Ein-Jahres- und Zehn-Jahres-P90?
Der Ein-Jahres-P90 gilt für ein einzelnes Jahr und enthält die volle Wetterschwankung von Jahr zu Jahr. Über zehn Jahre gleichen sich gute und schlechte Jahre teilweise aus, die Wetterschwankung wird durch die Wurzel aus 10 geteilt. Der Zehn-Jahres-P90 liegt deshalb näher an P50.
Wann ist ein Ertragsgutachten auffällig?
Warnsignale sind ein Gutachten vom Verkäufer selbst, eine Performance Ratio über 90 % ohne Begründung, sehr niedrige Verlustansätze und ein Abstand zwischen P50 und P90 unter 4 %. Die 4 % sind ein Prüfwert der Wattvestor-Methodik und kein Marktstandard.
Quellen
- Fitch Ratings, Renewable Energy Project Rating Criteria, 07.02.2023: https://assets.fitchratings.com/downloadFile?reportType=report&sfReport=false&slug=infrastructure-project-finance%2Frenewable-energy-project-rating-criteria-06-02-2023, abgerufen am 13.10.2026
- PVGIS 5 User Manual, Joint Research Centre der EU: https://joint-research-centre.ec.europa.eu/photovoltaic-geographical-information-system-pvgis/using-pvgis-5/pvgis-5-user-manual_en, abgerufen am 13.10.2026
- PVGIS PVcalc, Leipzig, Süd, optimale Neigung, 14 % Verlust: https://re.jrc.ec.europa.eu/api/v5_3/PVcalc?lat=51.34&lon=12.375&peakpower=1&loss=14&optimalinclination=1&aspect=0&outputformat=json&raddatabase=PVGIS-SARAH3, abgerufen am 13.10.2026
- Fraunhofer ISE, Stromgestehungskosten Erneuerbare Energien, Juli 2024: https://www.ise.fraunhofer.de/content/dam/ise/de/documents/publications/studies/DE2024_ISE_Studie_Stromgestehungskosten_Erneuerbare_Energien.pdf, abgerufen am 13.10.2026
- Bundesnetzagentur, Pressemitteilung vom 18.08.2026, Ausschreibung Solar erstes Segment zum 01.07.2026: https://www.bundesnetzagentur.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2026/20260818_Solar1.html, abgerufen am 13.10.2026
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